Im Kinder- und Jugendfußball wird viel über Talent gesprochen – zu wenig aber über das Umfeld, in dem sich dieses Talent entwickeln soll.
Eine der größten Stellschrauben für Entwicklung ist nicht der Trainer, nicht der Wettbewerb, nicht die Liga – sondern die Zusammensetzung der Mannschaft.
Warum Ausgeglichenheit so entscheidend ist
Eine Mannschaft funktioniert dann am besten, wenn der Großteil der Kinder leistungsmäßig nah beieinander liegt.
Problematisch wird es immer dann, wenn sich eine Mannschaft stark auseinanderzieht – also wenn es ein deutlich unterlegenes Viertel und gleichzeitig ein deutlich überlegenes Viertel gibt. Beide Gruppen verlieren – nur auf unterschiedliche Weise.
Das untere Viertel
Kinder, die dauerhaft hinterherlaufen:
- kommen deutlich seltener an den Ball
- treffen Entscheidungen fast ausschließlich unter Druck
- erleben überwiegend Fehler statt Erfolgserlebnisse
Entwicklung wird gebremst, Selbstvertrauen leidet – und häufig geht irgendwann die Freude verloren.
Das obere Viertel
Kinder, die dauerhaft herausragen:
- müssen kaum Lösungen finden
- werden selten wirklich gefordert
- gewinnen Spiele, ohne besser zu werden
Entwicklung stagniert – auch wenn es nach außen oft „sehr gut“ aussieht.
Das eigentliche Ziel
Das Ziel sollte nicht sein, der Beste in einer Mannschaft zu sein oder irgendwie mitzuhalten, obwohl man permanent überfordert ist.
Sondern: Teil des leistungsstarken Mittelfelds einer Mannschaft zu sein.
Dort entsteht echte Entwicklung: durch Konkurrenz auf Augenhöhe, durch Fehler, aus denen gelernt wird, und durch Situationen, die fordern – aber nicht überfordern.
Gute Konzepte treffen auf eine andere Realität
Der DFB verfügt über moderne Ausbildungsstrukturen, klare Leitlinien und sehr gute Fortbildungsangebote für Trainer.
In der Realität werden jedoch die meisten Jugendmannschaften von engagierten Elternteilen oder von Personen mit begrenzter fußballspezifischer Ausbildung geführt. Nicht aus mangelndem Willen, sondern weil es immer weniger Menschen gibt, die sich ehrenamtlich und regelmäßig engagieren können.
Zeitmangel, beruflicher Druck, familiäre Verantwortung – all das macht Ehrenamt heute schwieriger denn je.
Das Ergebnis: Alle handeln nach bestem Wissen und Gewissen – aber nicht jede Entscheidung führt automatisch zur bestmöglichen Förderung für jedes Kind.
Entwicklung braucht Spielzeit – keine Warteschlange
Eine Jugendmannschaft besteht häufig aus 15 bis 20 Kindern.
Gleichzeitig wird im Bereich unter U8 überwiegend Funino gespielt und bis unter U14 zunehmend der Twin-Modus eingeführt. Das bedeutet: Es spielen meist 6 oder 7 Kinder gleichzeitig – oft aufgeteilt auf mehrere Teams.
In der Praxis heißt das: Viele Kinder bekommen zu wenig Spielzeit.
Dabei entsteht Entwicklung vor allem durch Ballkontakte, Entscheidungen und Wiederholungen im Spiel – nicht durch Zuschauen.
Die natürliche Schieflage fast jeder Mannschaft
Unabhängig von der offiziellen Spielstärke ist fast jede Mannschaft ähnlich aufgebaut:
- ca. 50 % bewegen sich leistungsmäßig auf einem ähnlichen Niveau
- ca. 25 % sind deutlich stärker
- ca. 25 % sind deutlich schwächer
Was häufig passiert: Die stärkeren Kinder spielen fast immer, die schwächeren Kinder spielen selten oder gar nicht – und in Kombination mit sehr starken Mitspielern haben sie zusätzlich extrem wenige Ballkontakte.
Entwicklung bleibt auf der Strecke – bei beiden Gruppen.
Homogenität ist kein Zufall, sondern eine Entscheidung
Das Ziel sollte nicht sein, eine Mannschaft um jeden Preis zusammenzuhalten, sondern sie sinnvoll zu strukturieren.
Ein Beispiel: 10 mittelstarke Kinder, 5 sehr starke Kinder und 5 schwächere Kinder.
Die bessere Lösung: Die stärkeren Kinder wechseln in eine leistungsstärkere Umgebung, die schwächeren Kinder in eine passendere Mannschaft. So passiert etwas Entscheidendes: Aus der schwächeren Gruppe rücken leistungsstarke Kinder nach, aus der stärkeren Gruppe rutschen Kinder in ein passendes Niveau – jede Mannschaft bleibt gleich groß, wird aber homogener.
Alle profitieren – ausnahmslos
- Schwächere Kinder machen häufig die größten Entwicklungsschritte
- Mittelstarke Kinder übernehmen Verantwortung
- Starke Kinder müssen plötzlich wirklich kämpfen
Sie stechen weniger heraus – entwickeln sich aber nachhaltiger und werden langfristig bessere Fußballer.
„Wir haben dafür gar nicht genug Kinder“
Gerade kleinere Vereine oder Dorfmannschaften bringen häufig ein nachvollziehbares Argument vor: „Wir haben gar nicht die Spielerzahl, um so zu differenzieren.“
Oft stimmt das – gleichzeitig zeigt die Praxis: Gerade hier gehen zwischen Bambini und U9 besonders viele Kinder verloren. Nicht, weil sie keinen Spaß am Fußball hätten, sondern weil sie zu wenig spielen, zu wenig beteiligt werden und früh das Gefühl bekommen, keine Rolle zu spielen.
Kooperation statt Einzelkämpfer
Was in solchen Situationen helfen kann:
- Spielgemeinschaften
- Absprachen mit Nachbarvereinen
- regionale Bündelungen innerhalb eines überschaubaren Radius (z. B. 5 km)
Zum Beispiel: Vereine bündeln gezielt leistungsstarke Kinder, andere konzentrieren sich stärker auf Entwicklung in der Breite – ohne lange Fahrwege und ohne Abwanderung in große Vereine.
So bleiben Kinder im regionalen Fußball, Vereine handlungsfähig und Entwicklung möglich.
Unser Fazit
Moderne Ausbildung bedeutet: Entwicklung über Ergebnisse zu stellen, Spielzeit als zentralen Faktor zu begreifen, Homogenität bewusst zu gestalten – und sich von überholten Mustern zu lösen.
Nicht aus Bequemlichkeit. Sondern aus Verantwortung.
Denn: Kinder verlieren nicht den Spaß am Fußball – sondern an Situationen, in denen sie keine Rolle spielen.
FUXSTAR
Für ehrliche Entwicklung im Kinder- und Jugendfußball.