Kinder wechseln selbst: Warum Eigenverantwortung auch an der Seitenlinie beginnen kann

Im Kinderfußball sprechen wir viel über Selbstständigkeit, Entscheidungsfreiheit und darüber, Kinder auf dem Platz eigene Lösungen finden zu lassen. Doch sobald ein Kind das Spielfeld verlässt, übernehmen häufig wieder die Erwachsenen: Wer wird ausgewechselt? Wer darf als Nächstes spielen? Wie lange war welches Kind auf dem Platz?

Die U12 des ETV geht hier einen anderen Weg.

Die Trainer Selçuk Taskin und Mert Özdemir haben ein ebenso einfaches wie bemerkenswertes Konzept eingeführt:

Die Kinder organisieren ihre Wechsel selbst.

Was ursprünglich auch aus einer organisatorischen Herausforderung entstanden ist, hat sich aus unserer Sicht zu einem spannenden Ausbildungskonzept entwickelt – und könnte gerade im Twin-Modus eine Idee sein, über die sich viele Trainerteams Gedanken machen sollten.

Zwei Spiele gleichzeitig – und vielleicht nur ein Trainer

Mit der Saison 2025/26 hat der Hamburger Fußball-Verband für die U12 des Jahrgangs 2014 den offiziellen Spielbetrieb im 5+1 Twin-Modus eingeführt.

Eine Mannschaft wird dabei in zwei Teams aufgeteilt, die parallel auf zwei Spielfeldern antreten.

Das bringt viele der vom HFV gewünschten Vorteile mit sich: mehr Ballkontakte, mehr Dribblings, mehr Pässe, mehr Torschüsse und insgesamt mehr spielrelevante Aktionen für die einzelnen Kinder.

Für Trainer entsteht allerdings eine neue Herausforderung.

Zwei Spiele laufen gleichzeitig. Spieler müssen begleitet und gecoacht werden. Gleichzeitig müssen Rotationen organisiert und Spielzeiten im Blick behalten werden.

Mit zwei Trainern lässt sich das aufteilen.

Ist jedoch nur ein Trainer beim Spieltag dabei, wird es schwierig, beiden Spielen gleichzeitig Aufmerksamkeit zu schenken und nebenbei noch permanent zu kontrollieren, welches Kind wie lange gespielt hat.

Genau an diesem Punkt setzt die Idee des ETV an.

Was wäre, wenn die Kinder das einfach selbst machen?

Selçuk und Mert haben die Verantwortung für die Wechsel zu einem großen Teil an ihre Spieler übertragen.

Die Kinder entscheiden selbst, wann ein Wechsel sinnvoll ist und wer als Nächstes ins Spiel kommt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass einfach jeder macht, was er möchte.

Das Konzept funktioniert über klare Regeln und eine gemeinsame Verantwortung gegenüber der Mannschaft.

Wer gerade nicht auf dem Feld steht, ist keineswegs „raus aus dem Spiel“.

Im Gegenteil.

Die Rotationsspieler sollen ihre Mitspieler aktiv anfeuern und das Spiel aufmerksam verfolgen.

Und genau hier wird aus einer organisatorischen Lösung plötzlich ein Ausbildungskonzept.

Rotationsspieler werden zu aktiven Beobachtern

Jeder Jugendtrainer kennt wahrscheinlich die andere Situation:

Ein Kind wird ausgewechselt, setzt sich an den Spielfeldrand und die Aufmerksamkeit wandert innerhalb weniger Minuten irgendwohin – nur nicht zum Spiel.

Es wird geredet, herumgealbert oder etwas anderes gemacht.

Kommt das Kind einige Minuten später wieder ins Spiel, muss es sich zunächst neu orientieren: Wie spielt der Gegner? Wo entstehen Räume? Wo hat die eigene Mannschaft gerade Probleme?

Beim selbstorganisierten Wechsel verändert sich die Rolle des Rotationsspielers.

Wer selbst entscheiden soll, wann und wo er seiner Mannschaft helfen kann, muss das Spiel beobachten.

Vielleicht wird ein Mitspieler auf einer Seite immer wieder überlaufen.

Vielleicht fehlt dem Team gerade Tempo.

Vielleicht braucht die Mannschaft einen Spieler, der den Ball besser behaupten kann.

Oder ein Kind auf dem Feld merkt selbst:

Ich bin müde. Meine Aktionen werden schlechter. Jemand anderes kann der Mannschaft gerade mehr helfen als ich.

Das sind Entscheidungen, die weit über einen einfachen Spielerwechsel hinausgehen.

Kinder beginnen, Fußball zu beobachten, Situationen einzuschätzen und ihre eigene Leistungsfähigkeit in Relation zur Mannschaft zu beurteilen.

Lernen, in sich hineinzufühlen

Besonders interessant ist dabei ein Effekt, den wir bei der Anwendung des Konzepts beobachten konnten.

Die Kinder entwickeln zunehmend ein Gefühl dafür, wann ihre Kräfte nachlassen.

Statt unbedingt auf dem Platz bleiben zu wollen, lernen sie zu erkennen, wann eine Pause sinnvoll ist.

Wie fit bin ich gerade?

Kann ich meiner Mannschaft noch helfen?

Brauche ich eine Pause?

Ist ein anderer Spieler für die aktuelle Spielsituation vielleicht die bessere Lösung?

Damit wird die eigene Spielzeit nicht ausschließlich etwas, das ein Trainer von außen verteilt. Sie wird zu etwas, für das die Kinder selbst Verantwortung übernehmen.

Und was passiert mit dem Egoismus?

Eine naheliegende Sorge wäre:

Wenn Kinder selbst über ihre Wechsel entscheiden dürfen, wollen am Ende alle spielen und niemand freiwillig raus.

Die Beobachtungen beim ETV zeigen bislang eher das Gegenteil.

Die Kinder entwickeln ein Gefühl füreinander. Der Umgang wird freundlicher und die Spielzeit wird nicht mehr ausschließlich aus der eigenen Perspektive betrachtet.

Natürlich braucht ein solches System Vertrauen.

Und selbstverständlich muss ein Trainer eingreifen können, wenn das Prinzip nicht funktioniert oder einzelne Kinder dauerhaft benachteiligt werden.

Eigenverantwortung bedeutet schließlich nicht, dass Erwachsene keine Verantwortung mehr tragen.

Aber Kinder können Verantwortung nur lernen, wenn wir ihnen auch Verantwortung geben.

Vom ETV-Ansatz zum eigenen Pilotprojekt

Die Idee hat uns so überzeugt, dass wir sie im Frühjahr 2026 selbst in der U12-Oberliga beim Niendorfer TSV in einem Pilotprojekt ausprobiert und um eigene Regeln ergänzt haben.

Dabei war uns wichtig, dass Selbstorganisation nicht mit Regellosigkeit verwechselt wird.

Im Gegenteil: Je mehr Verantwortung wir Kindern übertragen, desto klarer muss der Rahmen sein, innerhalb dessen sie diese Verantwortung übernehmen dürfen.

Für unser Pilotprojekt galten deshalb folgende Wechselregeln:

  • Die Rotationsspieler beobachten das Spiel und entscheiden selbst, wann ein Wechsel sinnvoll ist.
  • Ein Wechsel erfolgt frühestens nach fünf Minuten.
  • Es gibt keine Doppelwechsel.
  • Nach einem individuellen Fehler wird nicht gewechselt.
  • Wer gerade eingewechselt wurde, kann nicht direkt wieder ausgewechselt werden.
  • Positionen werden nicht ohne nachvollziehbaren Grund verändert.
  • Wer am Ende des letzten Spiels nicht gespielt hat, beginnt das nächste Spiel auf dem Feld.

Eine Besonderheit gab es allerdings:

Wer meckert oder nicht arbeitet, wird ausgewechselt und darf sich anschließend nicht selbst wieder einwechseln.

Damit bleibt die Verantwortung beim Kind – aber sie ist an Verhalten, Einsatzbereitschaft und die Verantwortung gegenüber der Mannschaft gekoppelt.

Ein Fehler ist kein Wechselgrund

Eine Regel war uns dabei besonders wichtig:

Keine Wechsel nach individuellen Fehlern.

Kinder machen Fehler. Das gehört zum Fußball und zum Lernen.

Wer nach einem Fehlpass, einem verlorenen Zweikampf oder einem Gegentor unmittelbar ausgewechselt wird, kann sehr schnell eine falsche Verbindung herstellen:

Fehler = Strafe.

Genau das wollen wir vermeiden.

Ein Spieler soll nach einem Fehler die Möglichkeit bekommen, weiterzumachen, Verantwortung zu übernehmen und die nächste Situation besser zu lösen.

Anders betrachten wir fehlende Bereitschaft.

Wer nicht arbeitet, sich hängen lässt oder seine Energie dafür verwendet, über Mitspieler, Entscheidungen oder Situationen zu meckern, entzieht sich seiner Verantwortung gegenüber der Mannschaft.

Dann kann eine Auswechslung eine bewusste Konsequenz sein.

Der Unterschied ist entscheidend:

Wir sanktionieren nicht den Fehler. Wir reagieren auf die Haltung.

Rotation bedeutet nicht Pause vom Spiel

Zu unserem Pilotprojekt gehörten deshalb nicht nur Regeln für die Wechsel selbst.

Auch die Rotationsspieler hatten klare Aufgaben.

Motivieren und aufbauen

Wer draußen steht, unterstützt diejenigen, die gerade spielen.

Fehler werden nicht kommentiert oder kritisiert. Mitspieler werden aufgebaut.

Dazu nutzen wir bei Kindern gerne einen einfachen Vergleich:

Wer hat schon einmal eine schlechte Schulnote geschrieben und war danach enttäuscht oder traurig?

Fast jedes Kind kennt dieses Gefühl.

Und was hilft in diesem Moment mehr?

Eltern, die zusätzlich meckern und bestrafen?

Oder jemand, der sagt: „Kopf hoch. Beim nächsten Mal machen wir es besser.“

Im Fußball ist es nicht anders.

Nach einem Fehler weiß ein Kind meistens selbst, dass etwas nicht funktioniert hat. Es braucht dann nicht noch fünf Mitspieler am Spielfeldrand, die ihm erklären, was falsch war.

Es braucht Mannschaftskameraden.

Mentalität zeigen

Die Rotationsspieler sollen aber nicht nur freundlich zuschauen.

Sie gehören zum Spiel.

Sie feuern an. Sie feiern gute Aktionen. Sie pushen ihre Mitspieler. Sie zeigen Präsenz.

Unser Anspruch dabei war bewusst plakativ:

Der Gegner soll merken, dass hier nicht sechs einzelne Kinder auf dem Platz stehen, sondern eine ganze Mannschaft gegen ihn spielt.

Abwehraktionen feiern

Im Kinderfußball wird häufig vor allem das Tor gefeiert.

Warum eigentlich?

Ein geblockter Schuss, ein gewonnener Zweikampf, eine Grätsche im richtigen Moment oder ein Spieler, der für seinen geschlagenen Torwart auf der Linie rettet, kann für eine Mannschaft genauso wichtig sein.

Deshalb sollen gerade auch gelungene Defensivaktionen lautstark gefeiert werden.

Damit lernen Kinder gleichzeitig:

Fußball besteht nicht nur aus Toren und den Spielern, die sie erzielen.

Den Torhüter aktiv einbeziehen

Auch der Torhüter soll Teil des Spiels sein und von den Rotationsspielern unterstützt werden.

Er wird angesprochen, motiviert und aktiv ins Mannschaftsspiel einbezogen.

Gerade auf kleinen Spielfeldern und im modernen Kinderfußball ist der Torhüter schließlich kein Kind, das hinten wartet, bis ein Ball auf sein Tor kommt.

Er ist ein Mitspieler.

Wechsel erklären

Ein weiterer Bestandteil unseres Pilotprojekts:

In den Pausen werden Wechsel besprochen.

Warum hast du dich eingewechselt?

Was hast du von außen gesehen?

Wo wolltest du der Mannschaft helfen?

Warum war genau dieser Moment für dich der richtige?

Damit wird aus einer zunächst intuitiven Entscheidung eine bewusste Reflexion.

Und genau dadurch kann Spielverständnis entstehen.

Mehr Freiheit für das Coaching

Neben all diesen Lerneffekten bleibt der ursprüngliche Vorteil des ETV-Konzepts bestehen: die Entlastung der Trainer.

Mert beschreibt es so:

Somit können wir uns aber auch mehr aufs Coaching fokussieren, um nicht dauerhaft an die Spielzeit der Kinder denken zu müssen.

Mert Özdemir – Trainer vom Eimsbütteler TV

Gerade im Twin-Modus ist dieser Gedanke interessant.

Wenn ein Trainer zwei parallel spielende Teams begleiten muss, sollte seine Aufmerksamkeit möglichst beim Fußball liegen: beobachten, helfen, Fragen stellen, Situationen erklären und den Kindern Impulse geben.

Nicht bei der Stoppuhr.

Was Kinder dabei tatsächlich lernen

Auf den ersten Blick geht es bei diesem Konzept nur um Auswechslungen.

Auf den zweiten Blick geht es um deutlich mehr:

Selbstwahrnehmung. Verantwortung. Fairness. Kommunikation. Aufmerksamkeit. Spielverständnis. Rücksichtnahme. Mentalität. Teamgeist.

Wir erwarten im modernen Kinderfußball von Spielern, dass sie auf dem Platz selbstständig Entscheidungen treffen.

Wir wollen möglichst keine Trainer mehr, die jede Aktion von außen vorgeben. Kinder sollen Situationen erkennen, Lösungen entwickeln und lernen, Verantwortung für ihr eigenes Spiel zu übernehmen.

Warum sollte diese Selbstständigkeit an der Seitenlinie plötzlich aufhören?

Natürlich wird ein solches Konzept nicht bei jeder Mannschaft vom ersten Tag an funktionieren. Kinder müssen lernen, mit dieser Freiheit umzugehen. Es braucht klare Regeln, Vertrauen und Trainer, die den Prozess beobachten und begleiten.

Aber vielleicht liegt genau darin eine große Chance.

Nicht jede Entscheidung für Kinder treffen – sondern Strukturen schaffen, in denen Kinder lernen, gute Entscheidungen selbst zu treffen.

Selçuk und Mert haben beim Eimsbütteler TV mit einer einfachen Idee angefangen.

Unser Pilotprojekt beim Niendorfer TSV hat uns gezeigt, wie viel mehr daraus entstehen kann, wenn man diese Idee konsequent weiterdenkt.

Denn vielleicht beginnt Eigenverantwortung im Fußball eben nicht nur mit dem Ball am Fuß.

Sondern manchmal auch mit der Entscheidung, wann es Zeit ist, ihn an einen Mitspieler zu übergeben.

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